Lebenshilfe fordert Möglichkeit zur Arbeit für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf

[…] „Das Recht auf berufliche Bildung und Arbeit muss ausnahmslos für alle gelten – nicht nur für die Leistungsstarken“, so Bundesvorsitzende Ulla Schmidt. […]

Davon können Menschen mit Behinderung und hohem Unterstützungsbedarf derzeit nur träumen. Laut Lebenshilfe verbringen rund 27.000 von ihnen den Tag in der sogenannten Tagesförderung. Dort liegt der Schwerpunkt vor allem auf der Pflege und Betreuung. Bildungs- und Arbeitsangebote sind hier rechtlich nicht vorgesehen. Anders als ihre Kolleginnen und Kollegen in der Werkstatt für behinderte Menschen erhalten die Frauen und Männer in der Tagesförderung weder ein Arbeitsentgelt, noch erwerben sie Rentenansprüche. Nur Nordrhein-Westfalen ermöglicht diesem Personenkreis die Beschäftigung in der Werkstatt. Wie viele erwachsene behinderte Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf morgens ihr Zuhause gar nicht erst verlassen und von ihren betagten Eltern betreut werden oder an sogenannten tagesstrukturierten Maßnahmen im Wohnheim teilnehmen, ist nicht bekannt. Die Lebenshilfe vermutet hier eine hohe Dunkelziffer.   […]

Quelle und komletter Text: Lebenshilfe

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4 Antworten zu Lebenshilfe fordert Möglichkeit zur Arbeit für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf

  1. Inge R. schreibt:

    Meiner Ansicht nach ist das Ziel dieser Aktion, unter dem Deckmantel von politisch korrekten Forderungen die langfristigen Kosten für erwerbsunfähige Menschen umzuverteilen: von der Grundsicherung auf die Rentenkasse.
    Die Nachteile entstehen sofort: die Verschlechterung der Lebens- und Teilhabebedingungen für schwerstbehinderte Menschen. Zusätzlich bekommen die Menschen, die in jetzt in der WfbM arbeiten, dann auch noch weniger Lohn, weil sie ja den Lohn der arbeitsunfähigen Menschen mit erarbeiten müssen. Dadurch wendet sich die Stimmung gegen die schwerstbehinderten Menschen, die dann vermutlich schnell und effektiv und juristisch abgesegnet aus dem Bereich „Teilhabe am Arbeitsleben“ herausdrangsaliert werden. Etliche Eltern aus NRW können das bestätigen. Wenn es aber keine Tafös mehr gibt, sitzen diese Menschen ohne jegliche Teilhabe-Chance zuhause bei den (z.T. alten) Eltern oder im Heim. Deshalb ist die „Argumentation“ auf der Homepage des Bundesverbandes blanker Hohn.
    Und bevor Frau Schmidt eine so unqualifizierte Aussage trifft (oder treffen lässt), sollte sie mit den Verantwortlichen einen der „Arbeits“bereiche in NRW und die von meiner Tochter besuchte Förderstätte, die von diesen „Fach“leuten hier auf Pflege (an erster Stelle!) und Betreuung reduziert wird, besuchen und vergleichen.
    Wie schon mehrfach an anderer Stelle betont, hat die Abschaffung der diskriminierend klingenden Formulierung „Mindestmaß wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung“ für viele behinderte Menschen (und deren Familien) fatale Auswirkungen. Aus der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft wird eine Teilhabe am Arbeitsleben!
    Für die meisten Menschen in den Tagesförderstätten ist eine Teilhabe am Arbeitsleben definitiv die falsche Maßnahme. Gäbe es diese Tagesförderstätten in ihrer aktuellen Form nicht mehr, fiele somit für die Betroffenen ein sehr wichtiger Bestandteil ihres Lebens weg: die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft!
    Eine weiteres Problem zeigt das Urteil des LAG Düsseldorf vom 11. November 2013 (Az. 9 Sa 469/13). Dort wird deutlich, dass Menschen mit einem hohen Pflege- und Betreuungsbedarf wesentlich schneller aus einer WfbM als aus einer Tagesförderstätte ausgeschlossen werden können. Wie das Gericht im Urteil mehrmals betont, würde das Problem einer Kündigung nicht auftreten, wenn der Betroffene eben nicht in einer WfbM, sondern in einer Tagesförderstätte im Sinne des § 136 Abs. 3 SGB IX wäre. Dort müsste ggf. der Personalschlüssel dem Bedarf des Betroffenen angepasst werden. Das gilt aber nicht für die WfbM als Instrument der Teilhabe am Arbeitsleben!
    Menschen mit schwersten Behinderungen werden durch die immer größer werdenden Gruppen mit immer weniger Betreuung auffällig, aggressiv oder entwicklen – wie wir so schön sagen – „herausforderndes“ Verhalten. Dadurch gibt es inzwischen immer mehr Eltern, deren erwachsene Töchter und Söhne völlig unzureichend versorgert werden – von einer guten Förderung und Betreuung ganz zu schweigen. Und es gibt immer mehr Eltern, die mit ihren erwachsenen Kindern regelrecht „hausieren gehen“ müssen, weil keiner sie will.
    Fazit: für jeden Menschen mit Behinderung muss die Wahlfreiheit der für ihn geeigneten Tagesstruktur mit einem personengebundenen Budget ermöglicht werden. Dies kann in den bereits vorhandenen Einrichtungen der Eingliederungshilfe (WfbM oder Tagesförderstätte) geschehen, am so genannten freien Arbeitsmarkt oder auch in Eigenregie. Eine solche Wahlfreiheit würde auch bewirken, dass die Einrichtungsträger sich entweder nach den Wünschen und dem Bedarf der behinderten Menschen ausrichten oder überflüssig würden.

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    • prysseliese schreibt:

      Vor einem halben Jahr habe ich gemeinsam mit drei anderen Eltern mit Ulla Schmidt und Frau Prof. Dr. Nicklas-Faust in Aachen ein ausführliches Gespräch zu diesem Thema geführt. Anwesend dabei waren auch drei junge Erwachsene, von denen keiner auch nur annähernd arbeitsfähig ist. Das wurde auch von Frau Schmidt nicht angezweifelt.
      Frau Schmidt hat eingestanden, dass es keine „Zwangsarbeit“ (ihre eigene Wortwahl) geben dürfe, hat aber bis heute nichts unternommen, um die Einrichtungsgebundenheit in eine Wahlfreiheit umzuändern.
      Da die Werkstatt-Pflicht in NRW jetzt sogar noch ständig hochgejubelt wird, hat der MdB unseres Landkreises (auf meinen Wunsch hin) Frau Schmidt um ein erneutes Gespräch mit uns Eltern gebeten. Das wurde von Frau Schmidt abgelehnt.

      Außerdem hatte ich zu diesem Thema wiederholt die behindertenpolitischen Sprecher der einzelnen Fraktionen angeschrieben, und – wenn überhaupt – nur ausweichende Antworten erhalten.
      Bemerkenswert ist dabei, dass Kerstin Tack (SPD) nach wiederholter Erinnerung einen Gesprächstermin in Berlin angeboten hat. Nach mehreren Monaten Wartezeit und großem Aufwand für die Planung der Fahrt (Berlin ist 600 km von hier entfernt), sagte Kerstin Tack den Termin einen Tag zuvor ab, weil ihr andere wichtige Termin dazwischen gekommen wären. Auf ihrer Homepage war zu sehen, dass sie an diesem Tag eine Schulklasse empfangen hat.
      Nach nochmaliger Bitte um Stellungnahme zum Thema hat sie auf den MdB unseres Wahlkreises verwiesen, der sich in der Behindertenpolitik leider überhaupt nicht auskennt.
      Wozu brauchen wir behindertenpolitische Sprecher, wenn sie bei behindertenpolitischen Themen auf die Wahlkreis-Abgeordneten verweisen?

      Warum weigern sich die Behinderten-Politiker mit Vertretern (Eltern) über Menschen zu sprechen, von denen sie selbst öffentlich verkünden, dass ihr Bedarf pauschal mit „Arbeit“ zu decken sei?

      Und nun bejubelt Frau Schmidt schon wieder die NRW-Werkstatt-Pflicht – als wenn sie von Betroffenen noch nicht erfahren hätte, dass hier jegliches Selbstbestimmungsrecht fehlt.
      Wie lange lässt sich dieses Ausgesondertsein per Gesetz noch schönreden?

      Von den seltsamen Inhalten des jetzigen Lebenshilfe-Beitrages fällt besonders die „Gruppe aus der Tagesförderstätte“ auf, die angeblich Ställe ausmistet, denn wenn eine „Gruppe aus einer Tagesförderstätte“ Ställe ausmistet, ist sowieso irgendwas grundsätzlich falsch gelaufen.
      In Tagesförderstätten (die in NRW gar nicht existieren) werden nämlich diejenigen untergebracht, die für die Werkstatt zu behindert sind, weil sie kein „Mindestmaß wirtschaftlich verwertbarer Arbeit“ erbringen können.

      Für einfache Arbeiten in einer Werkstatt zu (!) behindert – aber Ställe ausmisten?
      Und wie wir im Beitrag von Ulla Schmidt lesen können, erhalten Menschen aus Tagesförderstätten auch kein „Arbeitsentgelt“, so dass sie gänzlich ohne Bezahlung arbeiten würden . . . wenn sie denn arbeiten könnten.

      Aus folgendem Positionspapier ist auf Seite 4 zu erkennen, dass der Anteil der Menschen, die kein Mindestmaß wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung erbringen können und deshalb statt einer WfbM eine Tagesförderstätte besuchen, über 20 % beträgt!!!

      http://lwl.org/spur-download/bag/48_13an1.pdf

      Und auf Seite 9 ist zu lesen, dass der „Grundsatz der Angemessenheit und Selbsthilfe zur Konsequenz hat, dass Angebote der beruflichen Teilhabe grundsätzlich vorrangig sind gegenüber Angeboten der Teilhabe am Gemeinschaftsleben“.

      Das bedeutet, dass in NRW für über 20 % der Werkstatt-Besucher Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben an die Werkstatt gezahlt wird, während die Leistung für diese Menschen in anderen Bundesländern Teilhabe am Gemeinschaftsleben heißt.

      Fakt ist, dass sich die Behindertenpolitik für diese 20 % nicht wirklich interessiert, denn sonst hätte schon mal jemandem auffallen müssen, dass Arbeit nicht der wirkliche Bedarf von arbeitsunfähigen Menschen sein kann . . . und dass die Einrichtungsgebundenheit der Eingliederungshilfe für diesen Personenkreis nie und nimmer mit der UN-Konvention vereinbar sein kann.

      Aber wenn man die „Möglichkeit“ zur Arbeit fordert, klingt das natürlich viel hübscher als wenn man eingestehen würde, dass die finanzielle Leistung einzig und allein an die Werkstatt gezahlt wird, wo die geistig schwerstbehinderten Menschen in großen Gruppen ausgesondert untergebracht werden – ohne die Möglichkeit zu einer inklusiven Tagesstruktur und ohne irgendein Selbstbestimmungsrecht!

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      • Roswitha Raab schreibt:

        Volle Zustimmung. Auch mein Sohn ist nicht in der Lage ein Mindestmass an wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung zu erbringen, schon gar nicht zum Stallausmisten. Er hat aber das grosse Glück, eine Tagesförderstätte mit überaus engagierten Mitarbeitern besuchen zu dürfen. Ein angemessenes Wohnangebot allerdings ist aufgrund fehlender personeller und räumlicher Rahmenbedingungen nicht möglich. Ein beim zuständigen Ministerium eingereichter Plan meiner LH zum Bau eines Wohnheims – Zusammenlegung der Therapeutischen Wohngruppe mit sog. Schwerstbehinderten – wurde abgelehnt. Ob lediglich aus Kostengründen oder weil auch das Ministerium die Meinung vertritt, dass dieses Vorhaben aber auch nicht mehr das geringste mit Inklusion zu tun hat, ist mir nicht bekannt. Gefreut hat es mich trotzdem.
        Wie kann es sein, dass es in unserer sog. „LebenshilfeFamilie“ Eltern in solcher Not gibt, wie sie in diesem Forum beschrieben wird, und die Bundesvereinigung keine Notwendigkeit sieht entgegenzusteuern?
        Ist das noch der Lebenshilfe-Gedanke, den wir Gründereltern hatten? Damals waren unsere Kinder „zu Nichts fähig“, – jetzt werden sie in die Arbeit gezwungen!
        Solidarität – Fehlanzeige

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  2. rosinante schreibt:

    Der ganze Artikel ist ein Widerspruch in sich, denn Menschen, die ihre Tagesstruktur in Tagesförderstätten erleben, können in den meisten Fällen weder Pferde versorgen, Ställe ausmisten noch eine andere „sinnstiftende“ Arbeit verrichten. Sollten die Tagesförderstätten abgeschafft werden, endet das also in WfB-inklusiver Zwangsarbeit oder in exklusiver Betreuung durch die „betagten“ Eltern.
    Da unterstützt die Lebenshilfe angeblich den Paradigmenwechsel mit selbstbestimmter Teilhabe für den behinderten Menschen. Gleichzeitig wird das alles nur für pflegeleichte und inklusionsfkonforme Behinderte ermöglicht.
    Der Sachverhalt ist inzwischen so komplex, dass da kaum jemand richtig durchzublicken scheint.
    Wenn schon Paradigmenwechsel und Selbstbestimmung, dann für ALLE behinderten Menschen. Und Selbstbestimmung heißt nicht, daß die Lebenshilfe die Richtung bestimmt!
    Also, liebe und betagte Lebenshilfe, entscheide Dich!

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